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Göttingen - ganz, ganz, ganz genau

, von Thomas Steinmann

Seit dem 19. Jahrhundert steht Göttingen für präzise Messtechnik, die weltweit Standards setzt. Bis heute halten sich viele Traditionsfirmen erfolgreich in ihren Nischen – oder erfinden sich neu

Bauteile bei Mahr, einem Spezialisten für ­Fertigungsmesstechnik © Jewgeni Roppel
Bauteile bei Mahr, einem Spezialisten für ­Fertigungsmesstechnik

Deutschlands Cluster: Deutsche Unternehmen sind berühmt für ihr Können und ihre Produkte. Marktführer und Konkurrenten sitzen dabei oft dicht beieinander. In einer Serie ergründet Capital das Erfolgsgeheimnis der „German Valleys“. Erste Folge: Silicon Saxony - Chips frisch aus Dresden und Pforzheim - Zahnspangen statt Gold


Mitten in der Halle bleibt Stephan Gais stehen. „50 Nanometer“, ruft er. „Nanometer, das ist zehn hoch minus neun.“ Der Chef des Göttinger Messtechnikspezialisten Mahr zeigt auf einen Kasten, der ein bisschen aussieht wie eine Vitrine mit Display. Es ist eines von Mahrs Messsystemen, die Längen oder Oberflächen von Industriebauteilen vermessen, mit einer Präzision von ein paar milliardstel Metern. „Das ist so unendlich klein, dass es kaum vorstellbar ist“, sagt Gais – nicht mehr, als ein Haar in einer Sekunde wächst.

Eigentlich ist der Schwabe ein nüchterner Mensch: Betriebswirt, Anfang 60, geschäftsführender Gesellschafter und Chef eines mehr als 150 Jahre alten Familienunternehmens – ein Typ, der zu Präzisionsprodukten passt. Doch wenn Gais über seine Maschinen spricht, spürt man auch Begeisterung. „Wir waren die Ersten, die das My gemessen haben“, sagt der Ururenkel des Firmengründers Carl Mahr. Das Gerät, das 1908 zum ersten Mal einen Mikrometer exakt vermessen konnte, steht heute in der Empfangshalle der Mahr-Zentrale in der Göttinger Südstadt. Sein Spitzname lautet „Schaukelpferd“, wegen der Form.

Die Mahr-Gruppe ist eines der Schwergewichte des „Measurement Valley“, des Clusters von Messtechnikspezialisten in Göttingen, der seit dem 19. Jahrhundert auf der ganzen Welt bekannt ist. Heute sitzen hier im Süden Niedersachsens mehr als 50 Unternehmen, die alle möglichen Messgeräte verkaufen – darunter große wie der Laborwaagenhersteller Sartorius oder Lambrecht, der Spezialist für Klima- und Wettermesstechnik. Viele von ihnen sind wie Mahr: traditionsreiche Familienunternehmen, in ihren Nischen unter den Top drei auf dem Weltmarkt. Weit mehr als die Hälfte ihres Umsatzes machen sie im Ausland.

Zu den Kunden von Mahr, einer Firma mit 240 Mio. Euro Umsatz und knapp 1900 Mitarbeitern, gehören Maschinenbauer, die optische Industrie und Hersteller von künstlichen Hüftgelenken. Mehr als die Hälfte seines Umsatzes macht Mahr aber mit den großen Playern der Autoindustrie: mit Daimler, VW oder Hyundai, aber auch mit Bosch, Conti und ZF. Sie alle lassen Kurbel- und Nockenwellen oder gar komplette Motorblöcke mit den Systemen aus Göttingen vermessen.

Stephan Gais ist geschäfts­führender Gesellschafter des  Familienunternehmens Mahr © Jewgeni Roppel
Stephan Gais ist geschäfts­führender Gesellschafter des Familienunternehmens Mahr

Gerade hat ein Autokonzern fast 50 Geräte, die Bauteile mit einer dünnen Nadel oder mithilfe eines Laserstrahls abtasten, für eine neue Fertigungslinie geordert. Listenpreis pro System: 200.000 Euro. Die effiziente Automobilproduktion „wäre ohne Messtechnik gar nicht denkbar“, sagt Gais. Nur die Japaner hat Mahr noch nicht geknackt.

Wohl bei kaum einem anderen Cluster der deutschen Wirtschaft lässt sich die Keimzelle so genau bestimmen wie bei der Göttinger Messtechnik. Die Georg-August-Universität, die schon Ende des 18. Jahrhunderts in den Naturwissenschaften Weltruf genoss und bis heute mehr als 40 Nobelpreisträger hervorgebracht hat, wirkte für die Mess- und Regeltechnik wie ein großer Inkubator. Sie lockte weltberühmte Mathematiker, Physiker und Chemiker in die noch stark von der Landwirtschaft geprägte Kleinstadt im Kurfürstentum Hannover: erst Georg Christoph Lichtenberg, dann Carl Friedrich Gauß, Wilhelm Weber, den Chemiker Friedrich Wöhler.

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Inkubator im 19. Jahrhundert

Die Ausnahmewissenschaftler benötigten immer neue Geräte für ihre Forschung: für Landvermessungen, Mondkarten, die Aufzeichnung von Erdbeben und elektromagnetische Experimente. Oder für Arbeiten in den frühen chemischen Laboren, die der Göttinger Mechaniker Florenz Sartorius mit seiner Erfindung revolutionierte: mit einer kurzarmigen Analysenwaage aus Aluminium, die sich um ein Vielfaches schneller einpendelte als die ausladenden Geräte, die es bis dahin gab.

Die Messtechnik sei ein Musterbeispiel für eine Stärke der deutschen Wirtschaft, sagt der ehemalige Siemens-Vorstand Edward Krubasik, der selbst Physiker ist: „eine Technologiebasis, die bis ins Mittelalter zurückgeht, um im 21. Jahrhundert erfolgreich zu sein“. Schon vor 150 Jahren begannen Göttinger Betriebe, ihre Waagen, Seismografen und Hygrometer in die Welt zu verkaufen – und den Engländern, die damals in der Feinmechanik führend waren, den Rang abzulaufen. Auch dank der peniblen Tüftler aus Göttingen entwickelte sich die deutsche Industrie zu einem weltweiten Sinnbild für Präzision und Zuverlässigkeit – und das lange vor „made in Germany“.

Ein Feuchtemessgerät (l.) für Labore des Göttinger Traditionsunternehmens Sartorius © Jewgeni Roppel
Ein Feuchtemessgerät (l.) für Labore des Göttinger Traditionsunternehmens Sartorius

Nur die wenigsten Unternehmen im Messtechnikcluster sind heute große Mittelständler wie Sartorius oder Mahr. Einige Firmen beschäftigten nur eine Handvoll Mitarbeiter, sagt Claudia Trepte, Geschäftsführerin des Vereins Measurement Valley, in dem sich die Branche vor der Expo 2000 in Hannover zusammengeschlossen hat. Die meisten produzierten weniger als 100 ihrer Messgeräte im Jahr, sagt Trepte, manche als Spezialanfertigung für einzelne Kunden.

Dennoch ist die Messtechnik im Raum Göttingen nach wie vor ein bedeutender Wirtschaftszweig. Die 120.000-Einwohner-Stadt lebt bis heute stark von der Universität mit ihren mehr als 40.000 Arbeitsplätzen – weniger von der Industrie. Mehr als 6000 Jobs hängen an der Messtechnik. Das entspricht etwa der Hälfte aller örtlichen Industriejobs, der Zweig steht für 13 Prozent der lokalen Wirtschaftsleistung.

Dabei profitiert der Cluster davon, dass es zwischen den einzelnen Firmen kaum Konkurrenz gibt. Das ermöglicht Kooperationen, wie sie etwa Sartorius und Mahr bei der Herstellung von Leiterplatten und elektronischen Baugruppen seit vielen Jahren unterhalten. Zudem bieten die Anforderungen der Kunden Nischen für Spezialanbieter. Immer wieder sind in der jüngeren Vergangenheit neue Firmen hinzugekommen, häufig Spin-offs der Universität oder von einem der Max-Planck-Institute. Eine Firma liefert Kameramesssysteme, die Einspritzdüsen bei Dieselmotoren prüfen. Eine andere zählt zu den Weltmarktführern für automatische Scheinwerfer- und Fahrwerkseinstellungen – mit fast allen Autokonzernen als Kunden. Wieder eine andere hat Messgeräte zur Analyse ultradünner Oberflächen entwickelt. Sie alle profitieren davon, dass die Industrie für ihre automatisierten Prozesse jede Menge Daten benötigt – und das nicht erst, seitdem alle von Industrie 4.0 reden.

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Gauss’sche Standards

Einer der Orte, an dem alles anfing, liegt etwas außerhalb der Innenstadt auf einer sanften Anhöhe: die Universitätssternwarte, in der Carl Friedrich Gauß fast 40 Jahre bis zu seinem Tod 1855 lebte und forschte. Die Georgia Augusta hatte sich mit der Braunschweiger Universität eine Art Bietergefecht um den Professor geliefert, der schon zu Lebzeiten den Titel eines „Fürsten der Mathematik“ trug. Die neue Sternwarte gab den Ausschlag für Göttingen.

Im Innern des kürzlich renovierten Kuppelgebäudes liegt auch der Nullpunkt für die hannoversche Landesvermessung. Bei den über ein Vierteljahrhundert laufenden Arbeiten für das Projekt hatte der Wissenschaftler 1820 ein neues Messinstrument für Distanzen entwickelt: das Heliotrop – ein Fernrohr, bei dem mithilfe mehrerer Spiegel einfallendes Sonnenlicht als Richtstrahl genutzt wird, um jedes mögliche Ziel anzupeilen. Das Heliotrop erlaubte eine sehr präzise Messung selbst großer Distanzen von mehr als 100 Kilometern – eine Revolution.

Weltberühmte Wissenschaftler erfanden in Göttingen neue Geräte. Für ihren ersten Telegrafen spannten Gauß und Weber 1833 einen Draht durch die Stadt © Jewgeni Roppel
 Weltberühmte Wissenschaftler erfanden in Göttingen neue Geräte. Für ihren ersten Telegrafen spannten Gauß und Weber 1833 einen Draht durch die Stadt

Im Prinzip sei diese Methode erst mehr als 150 Jahre später durch die GPS-Technologie abgelöst worden, sagt Manfred Schrader. Er betreut an der Universität das Physicalische Cabinet, eine Sammlung historischer Geräte von Lichtenberg, Gauß und vielen anderen. Dort steht auch eines von Gauß’ frühen Heliotropen. Gerne erzählt Schrader, wie fast ein falsches Messgerät auf dem 10-D-Mark-Schein mit Gauß’ Porträt gelandet wäre. Einem Göttinger Experten war auf dem Entwurf des Scheins aufgefallen, dass dort ein normaler Sextant abgebildet war, ohne die Spiegel, die Gauß zusätzlich angebracht hatte. Daraufhin fuhr ein Bundesbanker in einer Limousine vor, um sich das Original anzuschauen. Der Schein wurde korrigiert.

Im Physicalischen Cabinet auf dem Nordcampus der Uni steht auch eine andere Erfindung von Gauß: der erste Telegraf der Welt. Bei seinen Experimenten zum Magnetfeld der Erde hatte er mit Wilhelm Weber 1833 nebenbei einen elektromagnetischen Telegrafen entwickelt. Für die Verbindung hatten sie einen Draht über 1,1 Kilometer quer durch die Stadt gespannt, von der Sternwarte bis zur Paulinerkirche. Doch wie üblich ließ sich Gauß die Erfindung nicht schützen. Weber und er verstanden sich als Gelehrte, nicht als Geschäftsleute. Stattdessen eroberte kurz darauf der ähnliche Telegraf des Amerikaners Samuel Morse die Welt und die Märkte.

Für den kommerziellen Erfolg der Göttinger Messtechnik waren nicht so sehr die Wissenschaftler verantwortlich, sondern vielmehr ihre Zuarbeiter: die sogenannten Universitätsmechaniker. Die Männer mit Namen wie Wilhelm Apel oder Moritz Meyerstein wirkten als „unsichtbare Hand“ der Professoren – am Anfang, indem sie aus England importierte Messgeräte warteten, später, indem sie eigene bauten. Mit der Zeit wuchs die Nachfrage von außen nach Heliotropen, Waagen und anderen Geräten aus den feinmechanischen Werkstätten in Göttingen. Die Instrumente wurden bald zum internationalen Standard.

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Die Transformation

Die Entwicklung spiegelte sich auch in der Zahl der Betriebe und ihrer Arbeitsplätze, die eine Firmenchronik des Sartorius-Konzerns nachzeichnet: Demnach existierten Anfang des 19. Jahrhunderts in Göttingen sieben Geschäfte mit zwei Gesellen und einem Lehrling. Ende der 1860er-Jahre beschäftigten die sieben Betriebe bereits 50 Facharbeiter. Um 1900 waren es dann zwölf Betriebe mit 270 Gehilfen und Lehrlingen – darunter neue Firmen wie Sartorius, Lambrecht, Winkel und Spindler & Hoyer.

Viele von ihnen gibt es bis heute, wenn auch nicht mehr alle als eigenständige Unternehmen: Winkel, ein Spezialist für Mikroskope, wurde 1911 von Carl Zeiss geschluckt. Spindler & Hoyer, früher bekannt für seine tonnenschweren Seismografen und optischen Geräte für Heer und Marine, ging im Jahr 2000 unter dem Namen Linos AG an die Börse. Heute gehört das Unternehmen der französischen Qioptiq-Gruppe.

Sartorius, das größte Unternehmen des Clusters mit fast 7000 Mitarbeitern weltweit, heißt noch immer so. Doch sonst hat der im TecDax notierte Konzern nicht mehr besonders viel mit der Firma zu tun, die der Mechaniker Florenz Sartorius 1870 in Göttingen gegründet hatte. Zwar verkauft das Unternehmen noch immer hoch präzise, längst volldigitale Laborwaagen in alle Welt – als einer von nur zwei großen Anbietern. Doch das Geschäft mit dem Produkt, mit dem das Unternehmen berühmt geworden ist, macht mittlerweile nur noch rund zehn Prozent des Umsatzes von 1,3 Mrd. Euro aus. „Wir verstehen uns heute eindeutig nicht mehr als Messtechnikunternehmen“, sagt Joachim Kreuzburg, der Vorstandschef. Sein Geschäft macht Sartorius vor allem mit seiner Bioprocess-Sparte als Ausrüster für Pharma- und Biotechnologiekonzerne oder für Lebensmittellabore – mit Membranfiltern, Einweg-Fermentern und Bioreaktoren.

Sartorius-Chef Joachim  Kreuzburg auf dem neuen Campus © Jewgeni Roppel
Sartorius-Chef Joachim Kreuzburg auf dem neuen Campus

Für die Geschichte muss man bei Sartorius heute in einen Keller auf dem neuen Firmencampus gehen, der im Nordwesten von Göttingen gerade für eine halbe Milliarde Euro entsteht. Dort stehen in Glasvitrinen Dutzende Präzisionswaagen, Modelle aus fast allen Generationen: eine der frühen Analysenwaagen von 1907 in einem Kasten aus Holz und Glas. Die Selecta aus den 50er-Jahren, die mit ihrem Plastikgehäuse an eine Fritteuse erinnert. Elektronische Waagen aus den Siebzigern in knalligem Orange. Viele Geräte standen lange im Stammwerk ein paar Kilometer entfernt – bis es vor Kurzem nach fast 120 Jahren geschlossen wurde. Seit Januar läuft die Waagenproduktion auf dem Campus.

„Wir sind stolz auf unsere Geschichte“, sagt Vorstandschef Kreuzburg. „Aber unsere Zukunft liegt nicht in der Wägetechnik.“ Angesichts der hohen Wachstumsraten im Biotechbereich könne es sein, dass das Waagengeschäft in absehbarer Zeit vielleicht nur noch fünf Prozent des Umsatzes ausmache, sagt er. Doch das Unternehmen habe sich schon in der zweiten Familiengeneration stark verändert. Damals verkaufte Sartorius neben Waagen eine Zeit lang Brutkästen für Hühner und stieg in die Produktion von Membranfiltern ein – das Fundament für das heutige Hauptgeschäft.

Verglichen mit anderen Traditionsfirmen im Cluster reiche die Transformation bei Sartorius zwar besonders weit, sagt Kreuzburg. Im Grunde gelte aber: „Alle Unternehmen haben sich kontinuierlich weiterentwickelt. Sonst wären sie längst vom Markt verschwunden.“

Der Beitrag ist in Capital 04/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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