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Fondsbranche unter ETF‑Druck

, Nadine Oberhuber

Anleger legen immer mehr Geld in günstigen Indexfonds an. Den Gesellschaften gefällt das gar nicht, denn das lässt ihre Einnahmen schrumpfen. Sie würden es gern verhindern.

Werbung für iShares-ETFs an der Wall Street © Getty Images
Unter dem Namen iShares vertreibt Blackrock Indexfonds

Nicht nur Anleger haben derzeit ein ernstes Problem, sondern auch Fondsgesellschaften. Denn sie verdienen immer weniger Geld mit der Verwaltung von Publikumsfonds. Fonds lohnten sich nicht mehr, so war deshalb dieser Tage zu lesen, das habe eine Auswertung ergeben. Von einer Zäsur für die Fondsindustrie war ebenfalls die Rede. Das klingt dramatisch, schließlich sorgt doch eine überwältigende Zahl von Sparern mit eben solchen Fonds vor und erhofft sich davon einen Vermögensaufbau oder zumindest eine auskömmliche Altersvorsorge. Und das soll sich alles nicht mehr lohnen? Tatsächlich war die Aussage der zitierten Marktstudie eine etwas andere. Ihr Ergebnis sollte daher in erster Linie die Fondsgesellschaften zum Nachdenken bringen – sie beantwortet aber darüber hinaus auch den Anlegern eine wichtige Frage. Nämlich diejenige, wo ihr Geld eher gut aufgehoben ist und wo eher nicht.

Ausgangspunkt war eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey, die Langfristdaten zum globalen Fondsmarkt zusammengetragen hat. Über einen 20-Jahreszeitraum ermittelte sie: Die Gesamtsumme, die von Fondsgesellschaften rund um die Welt verwaltet wird, beträgt inzwischen gigantische 66 Billionen Dollar und hat sich seit 1997 vervierfacht. Noch immer steigt sie von Jahr zu Jahr weiter an. Aber: Etwas anderes steigt neuerdings nicht mehr an: Es handelt sich um die Gewinne, die Fondsgesellschaften aus diesem anschwellenden Geldvermögen erwirtschaften. Damit ist hier nicht gemeint, dass sie keine ordentliche Wertentwicklung für die Anleger erzielen würden, sondern dass der Teil kleiner geworden ist, den sie selbst in Form von Verwaltungsvergütungen und erfolgsabhängigen Gebühren einstreichen. Die Gewinne sind erstens nicht so schnell gestiegen wie das verwaltete Vermögen (sie sind „nur“ dreimal so groß wie 1997) und zweitens schrumpfen sie neuerdings sogar. Während das Fondskapital von 2015 auf 2016 um sechs Prozent wuchs, sanken die Gewinne der Verwalter um zwei Prozent. Das ist ein Novum und genau diesen Fakt bezeichneten die McKinsey-Berater als Zäsur. Denn bisher waren die Gewinne stetig mitgestiegen – wenn auch langsamer als das Fondsvermögen insgesamt.

Auch etwas anderes hat sich sehr verschoben: Heute wird fast ein Drittel des in Europa eingesammelten Anlegerkapitals von US-amerikanischen Firmen verwaltet. Und nicht mehr von heimischen. Ohnehin haben sich die großen Player im Markt erheblich gewandelt. Im Jahr 1997 waren die größten drei Fondsgesellschaften die schweizerische UBS, die deutsche Allianz und die amerikanische Fidelity. Sie vereinten 40 Prozent der Marktanteile der Top-10-Anbieter auf sich. Inzwischen heißen die drei größten Anbieter Blackrock, Vanguard und Statestreet. Sie kommen allesamt aus den USA und machen 50 Prozent des Top-10-Marktes aus. Allein Blackrock managt nach eigenen Aussagen inzwischen ein Gesamtkapital von 5,6 Billionen Dollar und gilt damit als größter Vermögensverwalter der Welt.

Anleger setzen auf ETFs

Nun wäre es natürlich Unsinn zu behaupten, dass sich für all diese Firmen das Geschäft mit den Fonds nicht mehr lohnt. Wenn ihre Gewinne also von 2015 auf 2016 gesunken sind und zwar von 64 Mrd. Euro auf 63 Mrd., würde der Amerikaner „so what?“ fragen, wen stört´s? Schließlich müssen Firmen allerorts damit leben, dass sie nicht in jedem Jahr dieselben Erträge einfahren und am Jahresende mal mehr, mal weniger in der Kasse übrig bleibt. Weil Aufträge wegfallen, Akquisitionen stattgefunden haben oder die Kosten steigen. In diesem Fall aber bedeuten die sinkenden Erträge, dass die Kosten gesunken sind – nämlich diejenigen für die Anleger. Im Klartext: Die Kunden kaufen vermehrt jene Fonds, die für sie billiger sind und bei denen die Gesellschaften weniger Verwaltungskosten abzwacken. Indexfonds nämlich.

Die Gesellschaften werden zwar nicht müde zu betonen, dass beide Fondsarten ihre Berechtigung auf dem Markt haben: Aktiv gemanagte Fonds, bei denen Fondsverwalter gezielt Einzelwerte fürs Portfolio aussuchen – und passive Fonds, die lediglich einen Börsenindex nachbilden und daher völlig ohne Fondsmanager zu verwalten sind. Was sie ja dann auch so günstig macht. Man bräuchte beide. Die Passiven, die eine Durchschnittsrendite erzielen würden, aber eben immer nur Durchschnitt sind. Und die Aktiven, mit denen die Anleger eine große Chance auf Überrenditen hätten.

Das meinen zumindest die Anbieter. Bei den Anlegern aber hat inzwischen längst eine Abstimmung mit Füßen stattgefunden: Nur noch 18 Prozent der Nettomittelzuflüsse investieren sie in aktive Fonds. Das Doppelte dagegen in passive Indexfonds (ETFs), nämlich 36 Prozent. Ein großer Teil von 46 Prozent fließt außerdem in Multi-Asset-Fonds, so heißen auf Neudeutsch jene Fonds, die vielerlei Anlageklassen mischen – wie Aktien, Anleihen und Rohstoffe – und die oft auch einen Mix aus aktiven und passiven Fonds beinhalten.

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Fondsanbieter sehen ihr Geschäft bedroht

Im Grunde könnte man es als Erfolgsgeschichte verkaufen, dass so viele Anleger bereits nach wenigen Jahren das Konzept der Indexfonds verstanden haben und nun so große Summen in sie investieren. Die „ordinären“ aktiven Fonds haben da einige Jahrzehnte länger gebraucht, um sich am Markt zu etablieren. Und die neue Vorherrschaft von Gesellschaften wie Blackrock zeugt davon, dass die Indexfondsanbieter inzwischen in der Mitte des Marktes angekommen sind. Bloß ist die klassische Fondsindustrie davon alles andere als begeistert, weil sie mit den günstigen ETFs ihre Margen schwinden sieht. Denn wenn Anleger verstehen, dass sie für 0,3 Prozent Kosten irgendeinen der vielen Index-Fonds kaufen können, die ihnen bei globalen Aktienfonds immerhin sechs bis sieben Prozent Rendite jährlich einbringen. Warum sollen sie dann das Risiko eingehen, einen aus hunderten aktiven Fonds auszuwählen, von dem sie keine Ahnung haben, ob er am Ende tatsächlich eine marktgängige Rendite liefert oder nur viel Geld verbrennt – und dafür auch noch satte zwei Prozent an Kosten und Gebühren vernichtet? Eben, eigentlich gibt es dafür keinen Grund.

Langfristig wäre es das Ende vieler Fondsanbieter, wenn allen Anlegern das klar wäre. Denn es hieße, dass ihre Gewinne noch weiter schrumpfen und dass sie ihre aktiven Fonds, mit denen sie heute noch richtig viel Geld verdienen, auf kurz oder lang nicht mehr an die Sparer bringen könnten. Nur so ist zu erklären, dass sich immer wieder namhafte Fondsmanager zu Wort melden, die monieren, dass Indexfonds bloß der Triumph der Mittelmäßigkeit seien und in aktivem Management die wahre Chance liege.

Eine Studie der Ratinggesellschaft Scope schien diese Aussage zuletzt sogar zu stützen: Sie hatte 3000 aktive Fonds untersucht und ihre Wertentwicklung im ersten Halbjahr 2017. Die Aktienfonds unterteilte sie in acht Gruppen – je nach ihrem Anlageschwerpunkt. In sieben dieser Kategorien hätten deutlich mehr als 50 Prozent der Fonds den jeweiligen Index überflügelt – nach Kosten. Im Bereich „deutsche Aktien Standardwerte“ schlugen sogar 86 Prozent der Fonds den Index, also den Dax. Bei den „japanischen Aktien“ waren es 67 Prozent, also zwei Drittel. Und bei den „Aktien Global“ schnitten ebenfalls 67 Prozent besser ab als der MSCI World. Bei den Rentenfonds übrigens sahen die Quoten ähnlich aus. Hier schafften die Aktiven es in sechs von neun Kategorien, den Index zu übertrumpfen. Das klingt nach einem großen Erfolg für die Aktivfonds.

Bilanz von aktiven Fonds ist schlecht

Er relativiert sich jedoch, wenn man sich ansieht, wie dieselben Fonds auf Sicht eines Jahres gelaufen sind: bei den Anleihenfonds waren die Quoten trotzdem gut. Aber bei den Aktienfonds sackten die Outperformance-Quoten aber jäh ab. Sie lagen bei den deutschen Aktien nur noch bei 66 Prozent, bei den anderen Kategorien aber nicht mehr über 50 Prozent. Und wer nun spontan denkt: 50 Prozent sind doch gut! Damit habe man ja immer noch eine Fünfzig-fünfzig-Chance, den Index zu schlagen. Der sollte sich vergegenwärtigen: Für eine 50-Prozent-Chance bräuchte man keinen hoch spezialisierten Fondsmanager. Diese Wahrscheinlichkeit erreicht man auch beim Münzwurf.

Nun kaufen Anleger einen Fonds auch nicht nur, weil sie sich von ihm eine tolle Halbjahresperformance erwarten oder einen Gewinn für ein Jahr, sondern weil sie ihn langfristig halten wollen. Und gerade da muss man nicht groß über die Bilanz der aktiven Fonds diskutieren: Sie ist schlecht. Das sagen nicht nur etliche Studien, die Finanzwissenschaftler inzwischen angestellt haben, sondern das belegen auch wieder einmal neueste Langfristbetrachtungen der Ratingagentur Morningstar und des Fondsanbieters Lyxor. Letzterer ermittelte, dass zwar rund 50 Prozent aller untersuchten weltweit anlegenden Fonds im ersten Quartal 2017 ihren Index geschlagen hätten und rund 35 Prozent im zweiten Quartal – die günstige Wirtschaftslage und die lockere Geldpolitik der Notenbank hätten das begünstigt. Jedoch sei auf Fünfjahressicht die Misserfolgsquote hoch gewesen: 80 Prozent der Fonds schlugen auf diese Dauer ihren Index nicht.

Im Schnitt, so belegen Morningstar-Auswertungen zu Mischfonds, warfen aktive Mischfonds in allen Kategorien nach fünf Jahren rund vier Prozentpunkte weniger Rendite ab als ihre Vergleichindizes. Auf zehn Jahre gesehen – man mag es gar nicht sagen – lag die Misserfolgsquote der Aktivfonds laut einer Studie von S&P Dow Jones Indizes bei 97 bis 98,9 Prozent. Es gibt also mit einem Aktivfonds und Fondsmanager eine Chance von gut 1,1 Prozent, dass man den weltweiten Aktienindex schlägt. Dafür bezahlen ziemlich viele Anleger sehr vielen Fondsgesellschaften extrem stolze Gebühren.

Je geringer die Kosten desto besser die Wertentwicklung

Würden Aktivanleger wenigstens eine simple Rechnung aufmachen, schnitten sie erheblich besser ab, so Morningstar. Sie müssten ihre Fonds nur tatsächlich nach den Kosten auswählen, auch wenn sie Aktivfonds kaufen. Je geringer die Kosten eines Fonds nämlich, desto besser sei seine Wertentwicklung im Vergleich zu anderen und zum Index. Die billigsten Fonds waren laut Morningstar-Auswertung um 31 Prozentpunkte erfolgreicher als ihre Konkurrenten. Zudem sei bei diesen Fonds dann auch die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie einen langen Zeitraum überdauerten. Viele schlechtlaufende Fonds nämlich werden über die Jahre mit anderen Fonds zusammengelegt – was ihre maue Wertentwicklung verdeckt, weil man sie gar nicht mehr langfristig abbilden kann. Nach einer Laufzeit von 15 Jahren, so errechnete Morningstar, existierten selbst von den günstigen – also besten – Fonds nur noch sieben Prozent.

Im Grunde ist es also auch für die Fondsgesellschaften langfristig ein echter Gewinn, wenn sie günstigere Fonds anbieten und mehr Indexfonds verkaufen. Das müssten sie trotz ihrer kurzfristigen Renditeoptimierungssicht jetzt nur noch als solchen erkennen.


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 


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